Schwarz-weiß-Aufnahme von Sebastian Kneipp
Schwarz-weiß-Aufnahme von Sebastian Kneipp
Mensch Kneipp, Mythos Kneipp:

Das erstaunliche Leben des Sebastian Kneipp

Aus heutiger Sicht taugt das Leben von Sebastian Kneipp als Vorlage zum Hollywood-Streifen: ein Webersohn mit unstillbarem Wissensdurst; er erkrankt lebensbedrohlich, heilt sich selbst – und behandelt mit seiner Lehre bald auch andere: die Ärmsten der Armen, die Reichsten der Reichen, Mägde, Bauern, Prinzessinnen, Maharadschas, den Papst; er wird zur internationalen Berühmtheit, macht ein Bauerndorf zum weltbekannten Kurort, arbeitet gegen manche Widerstände, aber immer für die Gesundheit der Menschen – unermüdlich, bis zum letzten Atemzug.

Vom Wasser zur Wasserkur, vom Leben zur Lehre:

Spannendes, Wissenswertes und Kurioses über Sebastian Kneipp

So viel steht fest: Die Biographie des Sebastian Kneipp bietet reichlich Stoff für großes Kino. Dabei wollte der Webersohn, geboren am 17. Mai 1821, eigentlich nur Pfarrer werden – und ganz bestimmt kein für seine Heilerfolge gefeierter Weltstar. Da fragt man sich natürlich, wie es doch so weit kommen konnte …

Nein. Sebastian Kneipp studierte Philosophie und Theologie in Dillingen und München. Der Weg dorthin war für den aus einfachsten Verhältnissen stammenden Sohn eines Hauswebers schon beschwerlich genug. Bereits im Alter von zwölf Jahren musste er mit schwerer Arbeit am Webstuhl und als Viehhirte zum Familienunterhalt beitragen. Erst durch die Förderung eines entfernt verwandten Kaplans erhielt der wissensdurstige „Baschtl“ Zugang zu höherer Bildung – und legte schliesslich mit 27 Jahren das Abitur ab.

Kneipps erster Patient war tatsächlich er selbst! Kurz nach Beginn seines Studiums fühlt er sich nämlich immer schlaffer und antriebsloser. Schuld ist eine schwere Erkrankung der Lunge – sehr wahrscheinlich Schwindsucht, die wir heute als Tuberkulose kennen. Auf der Suche nach Linderung „stolpert“ der Student über ein Buch zur heilenden Wirkung kalter Bäder – das ihn schliesslich zum Selbstversuch schreiten lässt: Mitten im Winter badet Kneipp mehrmals pro Woche in der eiskalten Donau, eilte dann zurück in seine Stube und packte sich ins warme Bett. Einige Zeit später fühlte er sich wieder rundum gesund – und hatte sich „mal eben“ von der damals oft tödlich verlaufenden Tuberkulose kuriert.

Wie es sich für eine echte Berühmtheit gehört, gab man Sebastian Kneipp schon früh Beinamen. Nachdem er zum Beispiel 1853 mehrere Patienten von der damals grassierenden Cholera geheilt hatte, sprach man vom „Cholera-Kaplan“. Bekannt wurde Kneipp aufgrund seines enormen Wissens um die Heilkraft von Pflanzen ausserdem als „Kräuterpfarrer“ und – durch die grossen Erfolge mit der Hydrotherapie – als „Wasserdoktor“ (eine Bezeichnung, die ihm selbst übrigens nicht sonderlich zusagte, da es Kneipp stets auf einen ganzheitlichen Ansatz ankam).

Als junger Priesteranwärter hatte er, wie in der Kirche üblich, verschiedene Stationen durchlaufen. Doch die hohe Geistlichkeit war not amused, dass einer ihrer Hirten immer wieder durch Heiltätigkeiten von sich reden machte, juristische Querelen inklusive. So „parkte“ man ihn – trotz richterlichen Freispruchs – schliesslich als Beichtvater im Dominikanerinnenkloster Wörishofen; doch das ging gehörig nach hinten los: Das Dörfchen entwickelte sich sukzessive zum internationalen Gesundheits-Hotspot.


Kurios: Dort liessen sich unter anderem auch geistliche Würdenträger mit Wasseranwendungen und Co. behandeln.

Diese Liste liest sich wie das Who is who der damaligen Zeit – und reichte vom Erzherzog Joseph von Österreich über Prinz Heinrich von Bourbon bis hin zu Don Carlos, Infant von Spanien. Sogar der Maharadscha von Baroda nahm die beschwerliche Reise aus Indien nach Wörishofen auf sich, das 1920 zu Bad Wörishofen wurde. Manch prominente Persönlichkeit kam zudem in den Genuss von Hausbesuchen: Der heilkundige Geistliche behandelte dabei unter anderem Kaiserin Sisi von Österreich oder – im Jahr 1894 – den Papst. Auch unkonventionelle Wege führen eben manchmal nach Rom …

Sebastian Kneipp starb am 17. Juni 1897 im Alter von 76 Jahren. Für die damalige Zeit war das nicht nur wegen seiner überstandenen Tuberkulose beachtlich; die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer in Deutschland lag während dieser Zeit bei nicht einmal 40 Jahren¹! Den Aufzeichnungen seines Arztes Dr. Alfred Baumgarten zufolge erlag er um 4.30 Uhr morgens einem Tumor im Bauchraum. Sein Tod löste weltweit Bestürzung aus. Im Nachruf des Wiener Fremdenblattes hiess es: „Auch wenn seinem Thun von mancher Seite mit verächtlichem Nasenrümpfen begegnet wurde, sicher ist, dass der Erfolg in tausenden von Fällen ihm Recht gab.“

Sebastian Kneipp: Stationen eines bewegten Lebens

Landschaftsidylle des bayerischen Stephansried

1821

Sebastian Anton Kneipp erblickt am 17. Mai als Sohn eines Hauswebers im bayerischen Stephansried das Licht der Welt. Obwohl sein Vater ein durchaus belesener, weltoffener Mann ist, muss der junge „Baschtl“ im Laufe seiner Jugend harte Arbeit verrichten, damit die Familie überleben kann.

Kindheit bis Studium

Rosenkranz liegt auf einem aufgeschlagenen Buch.

Am Tag seines 20. Geburtstages wird Kneipps Elternhaus ein Raub der Flammen; alle Ersparnisse des wissbegierigen jungen Mannes sind vernichtet. Zuvor hatte er, der unbedingt katholischer Priester werden wollte, jeden Pfennig beiseitegelegt, um sich ein Theologiestudium zu finanzieren.

Endlich wendet sich das Schicksal zum Guten: Dr. Matthias Merkle, ein treuer Freund und entfernter Verwandter holt den 21-jährigen Sebastian Kneipp nach Grönenbach und ermöglicht ihm die Teilnahme am Lateinunterricht. Parallel dazu führt ihn der Pfarrer und Botaniker Christoph Ludwig Koeberlin in die Welt der Pflanzenheilkunde ein.

Historisches Klassenzimmer mit Schulbänken.

Kneipp zieht nach Dillingen an der Donau. Dort ist sein Förderer Merkle inzwischen Professor am örtlichen Lyceum und ermöglicht seinem Schützling den Zutritt zum hiesigen Gymnasium.

Bücherstapel mit Abschlusshut.

Noch während seiner Gymnasialzeit erkrankt der fleissige Schüler an der Tuberkulose, einer damals häufig tödlich verlaufenden Lungenkrankheit. Trotzdem gelingt es ihm, innerhalb von nur vier Jahren sein Abitur abzulegen.

Erste Erfahrungen mit der Heilkraft des Wassers

1848

Abitur in der Tasche – jetzt steht dem Traum vom Studium im Dillinger Lyceum sowie in München nichts mehr im Wege. Doch die Tuberkulose macht dem frischgebackenen Theologie- und Philosophiestudenten immer mehr zu schaffen … bis ihm zufällig ein Buch über die „Krafft und Würkung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen …“ von Johann Siegemund Hahn in die Hände fällt.

Mann schwimmt im Wasser.

1849

Inspiriert von den Erläuterungen zu Wasseranwendungen, „gönnt“ sich der angehende Theologe jetzt mehrmals pro Woche Bäder in der winterlich kalten Donau – und eilt danach in seine warme Stube. Das Ganze ergänzt Sebastian Kneipp mit Halbbädern und Güssen. Sein Gesundheitszustand bessert sich daraufhin stetig. Begeistert von diesem Therapieerfolg behandelt er ab 1850 bereits erste Kommilitonen.

Sebastian Kneipp behandelt einen kleinen Patienten.

1886

Das Kneippsche Buch „Meine Wasserkur“ erscheint – und enthält bereits ein Kapitel zur Kräuterheilkunde. In der Folge wächst das öffentliche Interesse ungebrochen weiter. Bis zu 150 Patienten stehen nun täglich an seiner Türschwelle, um sich behandeln zu lassen.

Das vom Schöpfer der Menschheit verliehene Wasser und die aus dem Pflanzenreich ausgewählten Kräuter machen das Wesentliche aus, Krankheiten zu heilen und den Körper gesund zu machen.

Pfarrer Sebastian Kneipp
Sebastian Kneipp

1889 / 1890

Das zweite Hauptwerk „So sollt ihr leben“, in dem das bis heute bekannte ganzheitliche Gesundheitskonzept mit der 5-Säulen-Philosophie beschrieben wird, kommt auf den Markt: ein weiterer Berühmtheits-Booster für Wörishofen und seinen Stadtpfarrer. Im Folgejahr entscheidet der Gemeinderat mit einer (!) Stimme Mehrheit, künftig voll auf die Karte „Kur & Kneipp“ zu setzen. Er selbst wendet sich von nun an auch verstärkt der Gründung von Heilanstalten zu.

1891

Dieses Jahr markiert nicht weniger als die Geburtsstunde der Marke Kneipp. Sebastian Kneipp überträgt dem Würzburger Apotheker Leonhard Oberhäusser, der schon ein Jahr zuvor nach Wörishofen gekommen war, das alleinige Recht, „alle Kneippschen Heilmittel und Spezialitäten im Inland und Ausland zum Zeichen der Aechtheit und Güte mit dem Bilde und Namenszug des Herrn Pfarrers Seb. Kneipp zu versehen“. Kurz darauf erscheint das erste Produkt der „Kneipp-Mittel-Zentrale“: Pillen gegen Darmträgheit.

1893

Während das „Sebastianeum“ getaufte Wörishofener Kurhaus schon zwei Jahre steht, wird am 20. Januar 1893 auf Kneipps Initiative hin das örtliche Kinderasyl eingeweiht. Überliefert ist aus dieser Zeit, dass der inzwischen 72-Jährige trotz allen Erfolges stets besonders um das Wohl kranker Kinder besorgt war.

1894

Nach seiner Ernennung zum päpstlichen Geheimkämmerer und Monsignore reist Kneipp aus dem inzwischen pulsierenden Kurort Wörishofen nach Rom. Im Vatikan empfängt ihn Papst Leo XIII, der – wie sollte es anders sein – ebenfalls von ihm behandelt wird. Das Ischiasleiden des Pontifex konnte durch kalte Waschungen in Kombination mit einer Ernährungsumstellung gelindert werden.

1897

Am 17. Juni 1897 erliegt der mittlerweile 76-jährige Geistliche einem Tumor. In den Wochen zuvor hatte sein behandelnder Arzt in täglichen Bulletins, die er an über 300 Zeitungen versandte, die besorgte Weltöffentlichkeit über den Gesundheitszustand seines Patienten informiert. Sein Tod löst international Bestürzung aus – gelindert von der Gewissheit, dass seine Lehren die Zeit überdauern würde. Bis heute gelten die Erkenntnisse Sebastian Kneipps als Meilensteine in der Medizin und bilden das Fundament der Marke Kneipp.

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